Technologieoffenheit oder Industriepolitik?
Die aktuell propagierte Technologieoffenheit ist kein Zeichen von starker Industriepolitik - ganz im Gegenteil. Gute Industriepolitik zeichnet sich durch das Erkennen von Zukunftstrends aus.
Nur mit der richtigen Strategie geht die eigene Industriepolitik auf
Technologieoffenheit wird unsere Industrie nicht retten
Jetzt ist es geschafft, das so viel aufbeschworene Unheil des Verbrennerverbots ab 2035 in der EU wurde aufgehoben. Endlich ist unsere Automobilindustrie sicher und kann wieder aufblühen. Oder etwa nicht?
Während der ein oder andere Politiker sich gerade daran erfreut, dass deutsche Hersteller schon bald Massen an mit E-Fuels und hocheffizienten Verbrennern ausgestatteten Fahrzeugen verkaufen werden, scheint die Realität doch eine andere zu sein. Global fallen die Märkte für Verbrennerfahrzeuge weg und E-Autos befinden sich auf dem Vormarsch.
Die Hoffnung muss wohl sein, dass sich die deutschen Autohersteller nicht von kurzfristigen einfachen Profiten blenden lassen und weiterhin alles geben um vor allem mit der chinesischen Konkurrenz mithalten zu können. Sonst blüht der Automobilindustrie ein ähnliches Schicksal wie der PV Industrie in Deutschland.
PV hat sich als Technologie mittlerweile durchgesetzt, weil die absehbare Preisreduzierung durch Skaleneffekte und Verbesserungen der Fertigungstechnik sie zu der billigsten Stromherstellungsmethode hat aufsteigen lassen. Trotz dieser Aussicht wurde der deutschen PV Industrie der Boden unter den Füßen weggezogen. Die Preissignale bei der Emobilität sind ähnlich.
Kosten von PV und Akkus im Zeitverlauf
Ähnlich wie bei den PV Modulen befinden sich die Preise von Akkus im kontinuierlichen Fall. Da Akkus der primäre Preistreiber bei E-Autos sind, könnten sie bald auch konkurrenzlos billig sein. Von 2014 bis 2024 sind die Preise einer Batterie von 290 USD je kWh auf unter 78 USD gefallen.
Der Preisverfall der Batterien ermöglicht den Aufstieg des E-Autos
Vor wenigen Jahren waren E-Autos noch eine Randerscheinung und kaum massentauglich. Das ändert sich schnell durch den Preisverfall im Batteriesegment und andere Skaleneffekte. Wer jetzt noch auf Verbrenner setzt, wettet auf einen schrumpfenden Markt.
Marktanteil Elektrofahrzeuge
Elektrofahrzeuge nehmen einen immer größeren Marktanteil ein, dementsprechend sinkt die Bedeutung von Verbrennermotoren.
Elektrifizierung als Ganzes
Akkus ermöglichen nicht nur eine Automobilindustrie ohne Verbrennermotor, sie können auch ein entscheidender Faktor sein das Potential von erneuerbaren Energien im noch größeren Maß zu entfesseln. Die unplanbare Energieerzeugung, die große Schwäche der erneuerbaren Energien bisher, kann durch klugen Einsatz von Stromspeichern gelöst werden. Wirtschaftlich konkurrenzfähig ist das auch erst seit kurzem möglich und diese Option wird mit jeder Reduzierung der Akkukosten noch attraktiver.
Gepaart mit dem Fakt, dass erneuerbare Energien und insbesondere PV jetzt schon die günstigste Stromerzeugung liefern, bietet das eine ganz neue Perspektive, wie man energiebasierte Prozesse denken sollte. Schließlich folgt aus dieser Gemengenlage, dass Strom immer billiger werden sollte.
Elektrifizierungsquote
Während die Elektrifizierungsquote in Deutschland seit Jahren mehr oder weniger stagniert, erkennt man eine Strategie hinter der Entwicklung Chinas. 2010 war China noch hinter den Vergleichsländern, ab 2021 muss sich China aber nur noch hinter Ausreißern wie Norwegen verstecken.
Intelligente Industriepolitik sollte dies erkennen und die Elektrifizierung in allen Bereichen, nicht nur der Mobilität, fördern. Über das Heizen mit Wärmepumpen, der Elektrifizierung von Industrieprozessen bis zum Betrieb von riesigen Rechenzentren. Ganz neue Möglichkeiten eröffnen sich, wenn durch kluge Politik Industrien gestärkt werden, die diesen Effekt voll nutzen können.
Ganz zu schweigen von den Vorteilen nicht mehr abhängig vom fossilen Importen zu sein und Klimaschutz zu betreiben. Das wäre nur ein (sehr) netter Nebeneffekt.
Den nächsten Trend nicht verschlafen
Das vorherrschende Thema derzeit kann auch in einem solchen Bericht über Industriepolitik nicht fehlen: Die künstliche Intelligenz. Industriepolitik bedeutet in diesem Feld auch, dass Deutschland sich zumindest nicht voll abhängig vom nicht europäischen Ausland machen sollte. Das bedeutet Zugriff auf wettbewerbsfähige KI-Modelle, genug Kapazitäten an Rechenleistung und Strom der billig genug sein sollte, um diese Rechenleistung auch sinnvoll betreiben zu können.
Die Rechenleistung wächst
Anhand des Wachstums der Rechenleistung der schnellsten Supercomputers lässt sich ganz gut ableiten, dass immer mehr Rechenleistung zur Verfügung steht. Das beschleunigt die KI-Entwicklung immer mehr.
Intelligente Industriepolitik
Industriepolitik, die Wirtschaftswachstum erzeugen soll, muss auf in der Realität fundierten Trends basieren. Der hocheffiziente Verbrennungsmotor und fossile Brennstoffe werden dieses Ziel kaum erreichen.
Deutschland hat alle Möglichkeiten sich auch in der Zukunft gegen globale Konkurrenz zu behaupten, wenn die richtigen Zukunftsthemen fokusiert werden.